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„Bieten angenehmes Arbeitsklima“ – Warum die meisten Junior-Stellen finanzielle Ausbeute sind

Junior Senior

Eine Unterscheidung zwischen Junior und Senior macht Sinn, um Absolventen den Berufseinstieg zu erleichtern. Viele Unternehmen nehmen das jedoch als Vorwand, um wenig zu zahlen und dennoch viel zu verlangen.

Immer mal wieder lese ich mir Stellenanzeigen durch, um zu sehen, ob etwas Spannendes dabei ist. Dabei habe ich vor allem eines: Déjà-vu-Erlebnisse.

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Ich stimme zu. Kein Spam. Versprochen.

Ich werde niemals Ihre Email Adresse weitergeben, handeln oder verkaufen. Sie können die Benachrichtigung jederzeit abbestellen.

Genau so stand das doch schon in der Anzeige davor?

Und in der davor und in der von letzter Woche?

Doch nicht ich bin es, die spinnt; die Personalchefs sind es anscheinend. Werben sie doch allesamt mit denselben nichtssagenden Floskeln.

Junior-Senior-Stellenausschreibungen: „Was wir bieten“ – „Wasser und Obst“

Besonders so Punkte wie „eine schöne Küche“ bringen mit immer zum schmunzeln, weil ich mir dann denke: „Joa, die wäre daheim ganz nett, wenn ich sie mir dank gutem Gehalt leisten kann, aber in der Arbeit ist es mir wirklich sch**ßegal, wie die Küche ausssieht!“

Oder „angenehmes Arbeitsklima“ – sowas darf verdammt nochmal kein Pluspunkt sein, sondern Standard. Es gehört verboten, in einem vergifteten Arbeitsklima arbeiten zu müssen, dass einen auf Dauer psychisch krank macht!

Doch auch die andern Punkte klingen irgendwie lustig und vor allem immer gleich:

„Ein junges, familiäres Team“
„attraktive Bezahlung und gute Sozialleistungen“
„abwechslungsreiche, spannende Aufgaben“

Wer bis dahin vor lauter Langeweile nicht eingeschlafen ist, fragt sich vermutlich: „Wers glaubt!“.

Bei Vollzeit-Anstellungen, in denen man 40 Stunden die Woche arbeitet, stellt sich zwangsläufig irgendwann eine Routine ein. Selbst die coolsten Jobs haben irgendwann nichts mehr mit Herausforderungen zu tun.

Das ist ja auch gut so, denn wer möchte schon mit einem Piloten fliegen, der vor dem Start durchsagt: „Bis nach Mallorca zu kommen, wird eine große Herausforderung für mich.“ Oder auf dem Zahnarztstuhl vom Doktor hören: „Die Wurzelbehandlung ist doch jedes mal wieder eine Herausforderung, mal schauen, wie sie mir heute gelingt“?

Dennoch wird heute selbst der ödeste Bürojob als Nonplusultra verkauft, denn man sich erstmal verdienen muss.

Wie?

Das erfährst du normalerweise unter dem Punkt: Was du mitbringst.

Junior-Senior-Stellenanzeigen: „Was du mitbringst“ – auf jeden Fall „jahrelange Berufserfahrung“

„Höchste Einsatzbereitschaft“ – das ist ganz wichtig, egal ob du Regale im Supermarkt auffüllen sollst oder stündlich Wettermeldungen aktualisieren musst (hab ich beides schon mal gemacht). Aufgaben, bei denen nüchterne Anwesenheit im Grunde mehr als ausreichend wären.  

Dicht gefolgt von “Leidenschaft” und „Flexibilität“ – was übersetzt so viel heißt wie: „Feierabend gibts nicht mehr!“ Du musst flexibel ganztägig erreichbar sein, E-Mails nach 22 Uhr beantworten und natürlich auch (mal) am Wochenende reinkommen.

Junior Senior Stellenausschreibungen
So könnte Home-Office auch aussehen 😉

Und dann wäre da der letzte Punkt: Das KO-Kriterium für alle Uni-Absolventen: „ jahrelange Berufserfahrung.“

Woher du die haben sollst, ist den Personalern egal.

Selbst wenn du während dem Studium unzählige (damals noch unbezahlte) Praktika nebenher gestemmt hat, reicht das meistens nicht.

Bevor du also überhaupt die Unverschämtheit besitzt, dich bei einem großen Konzern aka „gute“ Firma zu bewerben, musst du erstmal versuchen, Erfahrungen bei ihren kleinen Konkurrenten zu sammeln.

Und auch dort gilt dann – hocharbeiten. Wie du das am Besten machst: Immer beschäftigt tun.

Das bedeutet beispielsweise, selbst bei Leerlaufzeiten niemals im Netz zu surfen! Instagram und Whatsapp stehen sowieso auf der Blacklist, viele Firmen verbieten deshalb sogar das W-Lan privat zu nutzen.

Wenn du das Beschäftigt-Tun richtig praktizierst, darfst du selbstverständlich auch nicht pünktlich in den Feierabend gehen, obwohl du spätestens seit der Mittagspause ungeduldig die Zeiger der Bürouhr fixiert.

Dann heißt es: Wettsitzen. Wer hälts am längsten aus?

Oh Mann, Steffen hat schon wieder ein Extra-Projekt angeleiert, das sich bis in die Nacht ziehen kann. Und warum ist Jule heute schon wieder so engagiert?

Ganz ehrlich, während meiner Praktika habe ich immer die Putzkolonne beneidet.

Die waren schließlich die einzigen, die

  1. wussten was sie taten
  2. ein Resultat am Ende ihrer Schicht sahen
  3. gehen konnten, wenn sie fertig waren und nicht noch scheinbeschäftigt an Tischen herumpolieren mussten.

Naja, kommen wir zum letzten Punkt: Deinen Aufgaben.

Junior-Senior-Stellenanzeigen: „Deine Aufgaben“ – „die Rettung der Erde“

Unter denen tummelt sich meist auch ein ellenlanger Rattenschwanz an Bulletpoints, die eigentlich nur eins bedeuten: Du musst als Genie geboren sein, ein Multitalent, ein absoluter Alleskönner.

Immer wieder schaut man staunend auf den Titel der Stellenanzeige, um sich zu vergewissern, ob diese Position auch wirklich für einen Junior ist. Und sich dann zu fragen, ob sie auch wirklich ein Junior-Gehalt mitbringt.

Ja ist sie, ja tut sie.

Denn Achtung: Die Stelle ist zwar als Junior-Stelle ausgeschrieben und wird auch so bezahlt, dennoch werden Senior-Qualifikationen verlangt. Und genau da ist der Irrsinn an der Sache.

Senior-Stellen werden als Junior verkauft

Eigentlich wäre eine Unterscheidung zwischen Junior und Senior eine gute Sache. Für Berufseinsteiger, weil sie viel lernen können – quasi erstmal herein schnuppern in die monotone Welt des Arbeitslebens, welches sie nun für die nächsten 50 Jahre erwartet. Für Unternehmen, weil sie günstige, meist zuverlässige und motivierte Arbeitskräfte an Bord hätten, die sie so ausbilden können, dass es sich schnell für sie auszahlt.

Doch viele Unternehmen haben keine Lust aufs Anlernen und Einarbeiten, schließlich kostet sie das Zeit und Geld. Lust, so wenig wie möglich zu bezahlen, haben sie aber schon. Daher tarnen sie einfach die Senior-Stellen unter dem Titel Junior und schon hat sich der Fall.

Wer dabei auf der Strecke bleibt, sind die Uniabsolventen.

Der Endgegner: Eine Stelle als Trainee oder Volontär

Um wirklich angestellt zu werden und dabei etwas „zu lernen“ (meist werden sie nämlich einfach ins kalte Wasser geschmissen und arbeiten genauso mit, wie die alten Hasen unter ihren Kollegen) kommen sie nicht um eine weitere Abzocke herum:  Eine Stelle als Trainee oder Volontär!

Der Endgegner.

Eine Stelle als Trainee oder Volontär tritts du an, weil es verheißungsvoll klingt. Du bist danach beispielsweise voll ausgebildeter Redakteur und darfst dich auch so nennen.

Dass du vom ersten Tag eigentlich genau das Gleiche machst, wie all deine Kollegen, obwohl die ca. das dreifache verdienen, gibt dir vielleicht zu denken. Du fragst dich sicher auch, weshalb du eigentlich den Master gemacht hast und gefühlt zehn Jahre lang an der Uni studiert hast, nur um danach eine weitere “Ausbildung” zu benötigen.

Die Antwort ist einfach: Dein Unternehmen braucht eine billige Arbeitskraft.

Das ist meiner Meinung nach der einzige Grund, warum Unternehmen Uniabgänger zwei (!) Jahre lang an der Grenze des gesetzlichen Mindestlohn bezahlen unter dem Deckmantel, sie würden dabei lernen.

Denn Fakt ist doch, dass sich jeder, der neu in einer Firma anfängt, erstmal einarbeiten muss. Sowas nennt sich Probezeit und dauert meist nicht länger als ein halbes Jahr. Denn wer 6 Monate lang 40 Stunden die Woche in einem Unternehmen mitarbeitet, und dann immer noch nicht kapiert, wie der Hase läuft, wäre ja auch fehl am Platz. In solch einem Zeitraum hats wohl auch der Langsamste verstanden.

Aber zwei Jahre?! Zwei Jahre?!

Da bekommt man schon fast einen Bachelor. In dieser Zeit könnte man zwei Kinder bekommen (mehr, wenn Zwillinge dabei sind), oder was eigenes gründen, womit  man entweder scheitert oder Erfolg hat, aber auf jeden Fall eine Menge lernt.

Was war die skurrilste Stellenanzeige, die du je gelesen hast? Wie lange hat es gedauert, bis du dich endlich Senior nennen konntest? Oder bist du vielleicht gerade noch dabei, die Karriereleiter mühsam hochzuklettern? Denkst du dir auch manchmal, die Arbeitgeber spinnen und willst lieber Freelancer werden? Schreib mir direkt in die Kommentare! 🙂

Unterschrift

2 Kommentare

  1. Amen! Vor allem bei dem Volo-Part habe ich sehr lachen müssen. Sowas gibt’s in Österreich nicht, deshalb kam ich bei meinem Wechsel nach Deutschland gar nicht auf die Idee, nach so einer Stelle zu suchen. Als ich dann meine 1. Vollzeitstelle anfing, erklärte man mir dann das Konzept. Tatsächlich ist es aber so, wie du sagst: Die beiden machten 1:1 dasselbe wie ich, auch nicht schlechter, manchmal sogar BESSER und verdienten ca. 1300 Euro, wenn ich mich nicht täusche. Die sauren Gesichter bei der Mittagspause werde ich nie vergessen.

    Bin auch der Meinung, mein Blog war das beste Praktikum, das mir niemand gegeben hat. Auch jetzt, nach zwei Jahren freelancen habe ich so viel über Professionalität gelernt, da hätte man mich fünf Jahre 40-Stunden können arbeiten lassen,…

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    • Liebe Bianca,

      danke dir<3 Total interessant, dass es sowas in Österreich überhaupt nicht gibt - was sagt das über Deutschland aus?! Haha, ja die armen Volos hierzulande, die leider kommen nur schwer daran vorbei, sich dermaßen ausbeuten lassen zu müssen ... Mich fragen auch immer wieder Leute, woher ich dies oder das kann - fast alles habe ich learning bei doing gemacht, meistens auch mit dem Blog. Freut mich riesig, dass dir der Artikel gefallen hat.

      Liebe Grüße
      Ronja

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