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Liebe Selbstverwirklichung, du nervst! Eine Hassliebe.

Selbstverwirklichung

Nach der Schule dachte ich nicht an Selbstverwirklichung, sondern nur daran, keine Zeit zu verlieren! Schnell anfangen, egal mit was, Hauptsache keine Lücke!

Lücke?

Lücke im Lebenslauf!

Also fing ich schnell eine Ausbildung an. Doch schon nach zwei Wochen dort, merkte ich: Ups, das ist ja überhaupt nichts für mich!

Aber einfach abbrechen? Das wäre ja dann eine schlimme Lücke.

Nach sechs Wochen Treppen wischen (ich hatte mir Hotelfachfrau irgendwie anders vorgestellt) kündigte ich dann doch.

Und begann mein Studium: Lehramt.

Weil sicherer Job und so.

Nach sechs Semestern merkte ich wieder: Nee, doch nicht!

Also – Wechsel.

Der Umstieg meiner Fächer auf den Bachelor ging zum Glück, jetzt mussten aber dringend Praktika her!

Große Namen, damit die auch was hermachen im Lebenslauf!

Unzählige Praktika, Werkstudenten- und Nebenjobs später wusste ich immer nur, was ich nicht will.

Ich wollte mich nicht mit „geht schon“ zufrieden geben, „alles halb so wild.“ Ich wollte auf keinen Fall um die fünfzig (!) Jahre meines Lebens auf einem Bürostuhl sitzen und meinem Chef beim reich werden unterstützen.

Ich wollte mich nicht in diesem wahnwitzigen Wartezustand befinden. Auf den Feierabend, den Freitag und den Urlaub. Ein sehnendes Warten auf den Fernseher am Abend, weil man schlichtweg zu kaputt ist, um noch rauszugehen. Die Sehnsucht nach Wochenenden gespickt mit Großputz und Kino. Warten auf den ersparten All-Inklusive-Urlaub zum Batterien aufladen, damit ich danach wieder erfrischt ins Büro komme?! Rasend vergeht diese „Freizeit“ im Gegensatz zur Wartezimmerzeit und so verfliegen die Jahre und ich warte eigentlich nur aufs Älterwerden?! Da stimmt doch was nicht!

Also beschloss ich meiner Lebenslaufoptimierung Lebewohl zu sagen.

Ich beschloss, mich stattdessen selbst zu verwirklichen.

Da gab es nur einen Haken.

Ich wusste nicht, wie das denn gehen soll?

Wikipedia spukt einem das dazu aus:

Selbstverwirklichung bedeutet in der Alltagssprache die möglichst weitgehende Realisierung der eigenen Ziele, Sehnsüchte und Wünsche mit dem übergeordneten Ziel, „das eigene Wesen völlig zur Entfaltung zu bringen“ (Oscar Wilde),[1] sowie – damit verbunden – die möglichst umfassende Ausschöpfung der individuell gegebenen Möglichkeiten und Talente.

Klingt Alltagssprache eigentlich abwertend?!

Bei Realisierung der eigenen Ziele, Sehnsüchte und Wünsche setzt es dann schon aus, denn was sind die denn? Wie finde ich heraus, was ich will? Das war die Frage, die mich seitdem beschäftigte und wach hielt.

Der Markt mit der Selbstverwirklichung boomt.

Das Internet ist voll! Selbstverwirklichungs-Gurus und Selbstoptimierungs-Profis schossen in den letzen Jahren wie die Pilze aus dem Boden! Gefühlt jeder zweite Podcast handelt von diesem Thema und je mehr man sich damit beschäftigt, desto fündiger und übersättigter wird man. Lernen wird zum neuen Prokrastinieren.

„Live your Life!“, „Hör auf dein Herz“, „Finde deinen Weg!“, „Lebe deinen Traum!“ – Diese Aufforderungen sind schön und gut, doch selbst das Wikipedia-Zitat vom weisen Oskar Wilde ist nicht wirklich konkret.

Ziel des Lebens ist Selbstentwicklung. Das eigene Wesen völlig zur Entfaltung zu bringen, das ist unsere Bestimmung. Oskar Wilde

Und so tat ich, was wohl so ziemlich alle Menschen auf dem Weg zur Selbstverwirklichung tun, ich verließ meine Komfortzone und machte ein Reise. Auf der Reise las ich Bücher und lies mich treiben und dennoch merke ich im Flieger zurück, dass ich kein Stück schlauer bin als zuvor, außer dass ich jetzt tauchen konnte und generell ein bisschen weniger Angst hatte.

Aber die Frage: „WAS WILL ICH und noch dazu WIE KANN ICH DAVON LEBEN?“ lässt sich für manche nicht so einfach beantworten!

Und da helfen weder die Bücher noch die Coaches, die Reisen und die ganze Nachdenkerei.

Da muss man vielleicht einfach abwarten, aufhören zu jammern und Dinge in seinen Alltag integrieren, die einem Spaß machen, während man seine Brötchen verdient mit etwas, das eben „nicht so schlimm“ ist. Und umso mehr man sich mit den Dingen beschäftigt, die einem Spaß machen, umso eher können diese Dinge vielleicht tatsächlich auch aufs Geld-verdienen übertragen werden und der Brötchen-Job beispielsweise auf halbtags verkürzt werden. Momentum aufbauen im ersten Schritt, delegieren im zweiten.

Selbstverwirklichung

Wie es das Internet zur Zeit vorlebt: Job kündigen, Wohnung auflösen, Online-Business-aufziehen, raus in die weite Welt und ein freies Leben zu führen – so einfach ist die Realität nicht.

Denn auch Thailand wird jedes Jahr teurer und nach ein paar Monaten Pad Thai und Banana Pancake, da vermissen einige vielleicht das gute deutsche Vollkornbrot mit Käse. Besonders zur Regenzeit kann einem in Thailand genauso die Decke auf den Kopf fallen wie in der Heimat. Also: Kein Grund zum Neid, wenn deine Facebook-Freunde das hundertste Strandfoto posten!

Und auch die eigens produzierten Online-Business-Kurs-Verkäufe öden sicherlich an, wenn man sich jedes Mal selbst vermarkten muss, wie ein nerviger Staubsaugerverkäufer, der an Türen klingelt und Leute überzeugen muss, von Sachen bei denen er sich selbst nicht 100% sicher ist.

Dann gibt es da noch die ganzen Freelancer-Jobs, die man von unterwegs aus locker machen kann, wären da nicht die miese Internetverbindung, die unterirdische Bezahlung und die idiotischen Aufgaben, neben denen die Tasks im Büro im Nachhinein wie der große Hauptgewinn anmuten.

Ja, wir haben es nicht einfach mit der lieben Selbstverwirklichung!

Denn neben ihr wollen die meisten einfach auch noch ihre Miete zahlen können und nebenbei so etwas wie ein Privatleben genießen.

Gleichzeitig befindet sich das Angestelltenverhältnis in einem völlig veralteten nicht generationsgerechten Fünfzigerjahre-Zustand, der keinen Platz für Kreativität, eigenständiges Denken und gerechte Bezahlung lässt (besonders nicht als Geisteswissenschaftlerin)!

So ist das Alles wohl ein Eingehen von Kompromissen und Abwägen zwischen Pest und Cholera. Wer da alles gleichzeitig machen möchte: Studium, sicheres Einkommen und die Verwirklichung von Herzensprojekten, der plant seine Tage mit der Akribie eines Feldmarschalls und muss so manches Mal zu seinen Freunden sagen: Heute geht es nicht!

Also, liebe Selbstverwirklichung: Erstmal Danke!

Danke dafür, dass ich so privilegiert lebe, um überhaupt so viele Möglichkeiten zu haben, an dich zu denken.

Aber manchmal, ja manchmal, wenn ich zum Beispiel lieber eingemummelt auf der Couch Netflix schauen möchte, als nach 22 Uhr noch mit trockenen Augen vor dem Laptopbildschirm zu sitzen, da nervst du auch tierisch!

Wie ist das bei dir? Lässt sich dein Verhältnis zur Selbstverwirklichung auch als eine Art Hassliebe beschreiben? Ich freue mich, wenn du deine Erfahrungen hier teilst!

Deine Ronja

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8 Kommentare

  1. Ich bin ja nicht mehr ganz die GenerationY, aber das Thema Selbstverwirklichung ist auch bei mir ganz groß! Lange habe ich gedacht, dass ich nur in einem Job glücklich sein kann, wenn ich wirklich für diesen brenne. Wenn er mich erfüllt.
    Heute denke ich, dass das nicht unbedingt sein muss. Ich mag meinen Job, er bezahlt meine Rechnungen und ich mache ihn gut. Mein Herz erfüllt er aber nicht. Dafür habe ich aber meine „/career“ (Marci Alboher, One Person/multiple careers), die ich zusätzlich zu meinem Vollzeit Job und meiner Familie ausübe. Ich blogge und gebe Entspannungskurse- davon kann ich nicht leben, aber es bereichert mein Leben ungemein. Ich glaube nicht jeder muss sich unbedingt in seinem Job selbst verwirklichen- unser Leben besteht nicht nur aus dem Brotjob, es kommt darauf an, wie man seine verbleibende Zeit nutzt.
    Liebe Grüße Viktoria (emme-eppe.com)

    Antworten

    • Liebe Viktoria,

      vielen Dank für den Buchtipp – klingt sehr spannend! Vollzeitjob, Familie und Selbstverwirklichung hört sich nach viel Programm an, aber dadurch dass der Blog und die Kurse dein Leben bereichern, kann man es ja auch als Hobby ansehen. Wenn es zusätzlich noch etwas Geld einbringt – perfekt! Danke für deinen Beitrag!
      Viele Grüße
      Ronja

      Antworten

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